In grass we trust

Tarva_Sapuce_UnkrautjaeterDurmitor/Dolina Komarnice (Montenegro)
Erstbegehung der Route “Trava Sapuce” (= “Grasgeflüster”).
von Stefan Lieb

„??????“ – Scheiße, was heißt das??? Jetzt kurven wir (Gregor, Jo, Marcus und ich) schon eine ganze Weile nördlich des kleinen Örtchens Savnik herum und suchen im Stockdunklen die Siedlung Komarnice. Genau dorthin haben uns nämlich Fotos eines neuen Freundes aus Montenegro gelockt, die einen etwa 3 km breiten und zwischen 300 und 500 m hohen Felsriegel verheißen. Fünf Routen soll es bis dato hier geben: das würde ja unendliches Routenpotenzial bedeuten! travasa_300.jpg
Am nächsten Morgen schnell die Sachen gepackt und los geht’s. Ein eigenartiges Gefühl: wir wollen hier Erstbegehungen machen und sehen erst jetzt zum ersten Mal die Wände. So gehen wir diskutierender Weise den Wanderweg hinein und können uns kaum entscheiden, welche Linien wir angehen wollen. So was blödes, in den Alpen sind die potenziellen Linien immer begrenzt von den 10 m entfernt liegenden anderen Routen, und hier? Trava Sapuce
Unsere Wahl fällt auf zwei benachbarte Linien, die durch durchgehende Risse führen. Schöne Vierer-Klettereien, etwa 4 Seillängen lang, gerade das Richtige für unsere müden Knochen! Da wir in der Hauptwand eh so schnell sein werden, beschließen wir noch zwei Direktlinien über den Vorbau: 2 Seillängen bis 6+ bzw. 7-, aber der Rest wird eh schnell gehen. Weiter geht’s für Gregor und mich über breite, doch etwas steilere Risse als gedacht (bis 7-, hm?) in schöner Kletterei bis auf einen Pfeilerkopf. Breite Risse sind übrigens super, sie sind wenigstens nicht komplett grasbewachsen. Auf dem Pfeilerkopf treffen wir wieder auf Marcus und Jo, die es nicht so gut erwischt haben: Bruch bis zum 4. Grad, naja.
Auch der Weiterweg schaut nicht so super aus: Beide von unten anvisierte Linien erweisen sich als kaum kletterbar (zumindest nicht ohne Unkrautjäter), aber dazwischen tut sich eventuell eine neue Linie auf. Frei nach Mick Fowlers Motto „Solange es keinen eindeutigen Grund gibt umzukehren gehen wir weiter“ schließen wir uns zu einer Seilschaft zusammen und probieren es. Über Grasverschneidungen, Ameisenhaufen, Brüchige Blöcke, Körperrisse, aber auch jede Menge gute Kletterpassagen klettern wir weitere 4 Seillängen, bis wir nach 12 Stunden Kletterei in der Dämmerung auf dem Hochplateau stehen. 10 Seillängen bis 7- in 12 Stunden: kaum verschätzt! Trava Sapuce
Zurück geht’s im Dunkeln über die Route in einer epischen Abseilerei (teilweise im Regen) zurück zum Einstieg, den wir um etwa 1 Uhr nachts erreichen; immer unter der Obhut eines Schafhirten, der unsere Stirnlampen bemerkte und tatsächlich so lang auf uns wartete, bis wir neben ihm auf dem Wanderweg standen. Das erste Bier erlebten wir vor Müdigkeit kaum mehr.
Ach ja: Das Routenpotenzial ist tatsächlich noch fast unendlich, aber ein neues Paklenica wird’s nicht: dafür ist es zu grasig und teilweise auch ein wenig brüchig. Trotzdem kann man sicher einige gute Linien finden, und ein schönes Abenteuer ist es allemal.
Weitere Infos über Montenegro findet ihr unter der Rubrik stories; auf dieser Seite» Wir sind dabei Infos über Montenegro zusammenzustellen, wird hoffentlich nicht mehr allzu lange dauern…Außerdem gibt es eine super Seite von unseren montenegrinischen Kletternfreunden mit einer Rubrik» über Dolina Komarnice, leider derweil nur auf Serbisch.
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